Silvesteressen

Silvesteressen

Bild: KHH

Nicht in allen WG’s herrscht unabänderlich das Spaghetti-Regiment. Am Kollwitzplatz wurde der Sparzwang, der sich aus Nebenkosten-Abrechnungen, Handyverträgen und kleineren Konflikten mit der öffentlichen Verwaltung ergibt, ignoriert, und statt dessen großzügig in ein Feiertagsessen investiert. Vier feine Gänge sollten es sein. Voller Bauch, statt Vollrausch.

Das KaDeWe, in dem wir eigentlich am Silvestermorgen die Einkaufsliste abarbeiten wollten, verließen wir geschockt und ergebnislos wieder, nachdem wir uns eine halbe Stunde lang an Horden von Austernschlürfern und Touristen vorbei geschoben hatten. Es stellte sich heraus, dass wir alle Zutaten auch im eigenen Kiez bekommen konnten: gut abgehangenes Rindfleisch, ein schönes Stück Lachs, Zuckerschoten, Vanilleschoten, jede Menge Sahne, roten, schwarzen und grünen Pfeffer, Portwein, Süßrahmbutter, Salat und frische Calamaris. Als wir alles beisammen hatten, war es bereits früher Nachmittag.

Auf dem Menü standen: Erbsenschaumsuppe, ein zitroniger Salat mit kross angebratenem Lachs und würzigen, zarten Calamaris, Filetsteaks vom Rind mit Kartoffelgratin, Zuckerschoten und Rotwein-Steinpilz-Soße und als Dessert Crème Brulée mit Beeren. Die Rotweinsoße und die Suppe setzte ich sofort am Nachmittag auf, das Fleisch und den Fisch hingegen musste ich direkt vor dem Servieren braten. In der Zwischenzeit kümmerte ich mich um die Salatsoße, die Crème und vor allem das Kartoffelgratin, dass mindestens zwei Stunden in den Ofen musste.

Exemplarisch will ich die Erbsenschaumsuppe aus unserem Menü vorstellen. Für zwölf Esser bei unserem Fest brauche ich zwei Pakete gefrorene Erbsen. Im Supermarkt gab es nur relativ grobe Bioerbsen, die mich vor das (glücklicherweise nicht unlösbare) Problem stellten, dass sie im Vergleich zu feineren Erbsen relativ lange gekocht werden müssen, bis sie richtig gar werden. Sind sie noch roh, dann hinterlassen sie im Mund ein mehliges Gefühl, das jeder kennt, der schon einmal in einem Gemüsegarten rohe Erbsen genascht hat.

Die Erbsen gebe ich in einen passenden Topf, in welchem ich sie mit einigen gewürfelten Schalotten anschwitze. Dann lösche ich sie mit einem halben Liter warmem Wasser und einem Becher süßer Sahne ab und lasse sie kochen. Sobald sie schön gar oder sogar matschig geworden sind, fange ich an, sie zu pürieren. Ich schreibe bewusst „anfangen“, denn pürieren soll man sie so lange wie möglich und im Laufe der Kochprozesses immer wieder, bis am Ende eine möglichst homogene, schaumige Flüssigkeit entsteht.

Von nun an gieße ich immer wieder Wasser und vor allem Sahne an. Ich achte einerseits darauf, dass die Konsistenz ansprechend ist, andererseits habe ich nun die Möglichkeit, die Suppe soweit zu strecken, dass alle zwölf Esser auch wirklich zum Zuge kommen. Beim Abschmecken kommt es zunächst vor allem auf Salz und schwarzen Pfeffer an. Danach folgen Zitronensaft, roter Pfeffer und Chilipfeffer. Der rote Pfeffer gibt der Suppe ein blumiges Aroma, die Zitrone sorgt für eine ausgeglichene Leichtigkeit und der Chilipfeffer erhöht die Spannung.

Um der Suppe noch eine gewisse Festlichkeit zu verleihen, ergänze ich sie mit drei Gimmicks. Ich schlage eine Mischung aus Sahne und Crème Fraiche mit einer Prise Salz kräftig auf und gebe auf jede Portion zwei Löffel von der Masse, die sich wie ein feiner Schaum über die ganze Suppe ausbreitet. Darauf lege ich dann einige geröstete Sonnenblumenkerne und als letztes einen Schnitt frische Kresse.

Mit dieser Suppe schließe ich an eine mediterrane Silvestertradition an, denn dort werden sehr oft Linsen- oder Erbsensuppen zum Jahreswechsel gegessen. Rote Unterwäsche wurde in meiner Gegenwart leider nicht präsentiert.

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