Kastanien? Rösten!

Diese edle Nuss ist nicht einfach zu nehmen. Am besten belässt man sie so, wie sie ist und verzehrt sie à la nature. Doch selbst dann möchte sie noch vor Wut zerspringen.

Es gibt keine Frucht und kein Kraut, kein Holz und keine Knolle, die heimeliger und gemütlicher wären als die Kastanie. Die Farbe, tiefbraun wie gepflegtes Mobiliar, die Form, ein perfekter Handschmeichler, der Duft, wenn sie frisch sind wie nasses Laub, nussig, süß und verführerisch beim Rösten. Kastanien sind das kleine feine Extra, das die Natur für uns bereithält, wenn man eigentlich nicht mehr vor die Tür will.

Kastanien

Ein Kastanienbaum braucht zwanzig Jahre, bis er die ersten Früchte trägt. Und auch dann ist die Ernte oft kläglich. Selbst große Bäume werfen in unseren Gefilden oft nicht mehr ab, als einen einzigen halb gefüllten Korb voller Nüsse. Und die muss man dann auch noch mit spitzen Fingern aus ihrer stacheligen Verpackung befreien. Im Supermarkt werden sie mit sieben Euro pro Kilo gehandelt. Auch wenn es teuer scheint, das ist sicherlich ein fairer Preis.

Für die Bergbauern in Südtirol waren die Maronen ein Hauptnahrungsmittel. Man könnte annehmen, dass sie damit recht gut lebten. Tatsächlich kann man auf den stärkereichen Früchten aber kaum eine glückliche Existenz aufbauen. Die chemische Zusammensetzung macht es fast unmöglich, sie zum Backen zu verwenden, und das Aroma verbindet sich zwar gut mit Fleisch, besonders mit Speck und Schmalz, aber sobald man versucht, die Nüsse anderweitig zu verwenden, bricht sich eine herbe Note Bahn, die man zunächst gar nicht bemerkt hat. Ein schwieriger Geist, die Kastanie.

Entsprechend finden sie sich in der heutigen Küche Italiens nur in wenigen Rezepten.

  • Aus dem Mehl, auf das schon Hildegard von Bingen verwies, kann man aromatische Nudeln machen.
  • In einem kompakten, würzigen Brot, dem Castagnaccio, werden sie mit Rosinen und Rosmarin gebacken. Man isst es als Beilage, zum Beispiel mit Polenta.
  • Auch in Deutschland verbreitet ist die Kombination mit fettem Fleisch und Speck. Bei uns ist das meist ein Gänsebraten. In Italien gibt es Crostini al Lardo e Castagne, geröstetes Brot mit Kastanien und Speck.

Man sollte den Italienern vertrauen und bei diesem schlichten Rezept nur den besten Lardo verwenden. Ein schlichter, deutscher Speck verhält sich dazu wie Kassler zu einem Entrecôte.

Und dann gibt es noch das Rezept, das eigentlich gar keines ist: Man ritzt die Kastanien an der dicksten Stelle kreuzweise ein (damit sie beim Rösten nicht vor Wut platzen), gibt sie in eine schwere Pfanne und heizt ihnen kurz und kräftig ein. Dann lässt man sie auf mittlerer bis kleiner Flamme zwanzig Minuten rösten. Dabei kann man mit der Mutter telefonieren oder ein Buch lesen. Am besten aber, man schaut aus dem Fenster und schaut dem Herbstlaub zu. Währenddessen knistert es in der Pfanne. Die Schale springt auf und süßer Duft zieht durch das Haus. Ein Abendessen braucht man dann nicht mehr. Denn Kastanien nähren, so wie sie sind, nicht nur die Seele, sondern auch den Körper vortrefflich.

Edit: Ein tolles Rezept sind auch meine Steinpilzravioli mit Kastanien und Creme!

Bild jaydot

5 Antworten auf Kastanien? Rösten!

  1. Lisa_liebt_Lardo sagt

    Ich habe auch mal Castagnaccio gebacken, das war eine ziemlich unerfreulich Angelegenheit, nämlich hart süß und bitter. Vielleicht ist es ja als Beilage besser, aber als Kuchen kann man das vergessen.

  2. Karla Kaloria sagt

    Sieben Euro das Kilo?!? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir früher Kastanien in Ungarn und Rumänien in einer Zeitungstüte für ein paar Cent gekauft und heißhungrig in uns hineingestopft haben. Das Schönste war: Dem Mann am Stand bei rösten zuzuschauen: wie die Funken sprühten, die Schale knackte und – der Duft! Hmm

  3. Andreas sagt

    In Kreuzberg sind es nur fünf. Zuschlagen!

  4. mhhh_Kastanien sagt

    Aus Südtirol stammt ein Rezept mit Kastanien, Speck, Rosenkohl und einem kräftigen Schuss Weisswein. – Für die, die Rosenkohl mögen, aber auch gut für „Rosenkohl-Anfänger“…

  5. Andreas sagt

    Die neuste Kreation sind Steinpilzravioli mit Kastanien a la Creme. Damit haben wir neulich zwei Italiner glücklich gemacht.

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