Prag im Herbst

Hier ist nicht nur das Bier dunkel, auch die böhmische Seele ist ein finsterer Ort. Im November findet Prag nach einer langen Touristensaison zurück zu sich selbst. Auch das böhmische Essen schmeckt am besten, wenn es früh Nacht wird.

Es sind mit dem Auto nur drei Stunden von der deutschen in die tschechische Hauptstadt. Mit dem Zug sind es fast fünf. Die Bahn hat scheinbar nicht allzu viel übrig für die Verbindung nach Osten. Die Züge sind vergammelt und verkehren nur im Zweistundentakt, dafür aber teilweise im Schritttempo, und das auf dem deutschen Teil der Strecke, nicht etwa auf dem tschechischen. Doch auf eine Stunde mehr oder weniger Tageslicht kommt es uns nicht an, denn unser Programm beginnt erst mit dem Abendessen.

Prag – Dunkle Kraft

Es gibt inzwischen eine ansehnliche Zahl von Restaurants, in denen man mit den Traditionen der böhmischen Küche experimentiert. Als Grundlagen dienen zum Beispiel sauer eingelegter Fisch, frische Pilze, geräuchertes Fleisch, Wild oder der bekannte Schweinebraten samt seiner Begleiter Kloß und Kraut. Diese Gerichte bilden eine Hausmannskost, die so robust ist, wie Holzfällers Axt im Riesengebirge. Die Rezepte zeugen vom Einfluss Österreichs. Dahinter entdeckt man aber auch eine tiefe Liebe zu Paris, die man in Preußen nie empfunden hat. Selbst in den Sportbars der Vorstädte wird noch heute selbstverständlich ein ordentlicher Braten angeboten – kein Maggi und keine Geschmacksverstärker, sondern ehrliches Fleisch mit ehrlicher Soße und ehrlichen Knödeln. So etwas gibt es immer noch für fünf oder sechs Euro.

Doch unsere Neugier geht darüber weit hinaus. Besonders vielversprechend liest sich die Karte beim Restaurant La Degustation. Wer dort das vielgängige Bohême-Menü bestellt, der beginnt seine Reise mit einer beinah peinlich unscheinbaren Scheibe gekochten Schinkens mit sauer eingelegtem Gemüse. „Denkt ihr, dass das die tschechische Küche ist?“, will uns Küchenchef Oldrich Sahajdák damit fragen und lacht sich heimlich ins Fäustchen. Denn von da an erhöht er mit jedem Gang die Schlagzahl. Als die letzte der 14(!) Episoden, eine Art Germknödel Inside Out, vor uns steht, schwinden uns die Sinne. Die schaumig-malzige Dunkelbiersoße, die die kleine Mehlspeise begleitet, ist eine Offenbarung.

Jedes der Gerichte, die uns bis dahin serviert wurden, war gut und innovativ gekocht, aber manche waren einfach fantastisch. Die Fasanensuppe mit einem pochierten Wachtelei war zum Niederknien. Das kleine Medaillon vom gekochten Rindfleisch hätte vielleicht ein wenig saftiger sein können, aber dank seiner Soßen bleibt es unvergessen. Unter einem Creme-Schaum verbarg sich ein leuchtendes Dill-Öl. Mit dieser Komposition wurde die Grenze zur Kunst überschritten. Auch die geräucherte Rinderzunge, die mit Pürees von weißen Bohnen und Äpfeln serviert wird, war ganz grandios. Dass die Produkte für solche Schlemmereien aus heimischer Herstellung stammen, ist für die Küchenmannschaft Ehrensache.

Nach einem solchen Essen sollte man sich durch die dunklen Gassen treiben lassen. Wenn über der Moldau der Novembernebel liegt, wird auch der Gang über die sonst so belebte Karlsbrücke zu einem intimen Erlebnis. Auf der anderen Seite des Flusses liegt eine kleine Bar, das Blue Light, ein Hafen in der Nacht, wo man sich trifft, wenn draußen die Werwölfe heulen. Unter der warmherzigen Obhut der Thekenmannschaft verschmelzen die Besucher zu einer glücklichen, warmen Poesie. Was die feinen Weine in der Degustation noch nicht geschafft haben, erledigen nun zwei, drei starke Drinks. Wir lassen uns gehen, treiben, alles verschwimmt. Als wir am nächsten Morgen erwachen, hat die Stadt ihre Form verändert. Ihr süß-herber Flavour geht ins Blut und von dort unbehindert durch alle Schranken hinein in die Seele.

La Degustation
Haštalská 753/18
Praha 1
www.ladegustation.cz
Blue Light Bar
Josefská 1
Praha 1
www.bluelightbar.cz

3 Antworten auf Prag im Herbst

  1. Andreas sagt

    Auch schön: Radiohead in Prag

  2. Josh sagt

    Auch schön!

  3. Pingback: Ukrainische Kueche | Deli Dauerdienst

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