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    Obst auf dem Balkan

    Feigen müssen matschig sein. Denn nur dann entwickeln sie das fleischliche Geheimnis, das sie in sich tragen. Die sterilen Früchte aus dem EU-Supermarkt sind dagegen nur schäbige Retortenware.

    Wer den Balkan bereist, der geht auch gern bei Rot über die Straße und genießt den Aufenthalt in den Grenzregionen zivilisatorischer Ordnung. Zwar betätigen sich auch hier Investoren, um mit ihren griffigen Geschäftsmodellen der Welt ihre Ordnung zu verpassen, doch noch gehört Mut zum Investment. Soll die Krise ruhig weiter toben, wenn dadurch Belgrad, Sarajevo und Istanbul ihre laute und staubige Erscheinung etwas länger behalten können, und die Menschen ihr Fastfood weiterhin selbst zubereiten.

    Sarajevo zum Beispiel liegt wie eine antike Tonschale in den Tälern des Dinarischen Gebirges. Während diese abgelegene Lage den 300.000 Einwohnern im Bürgerkrieg zum Verhängnis wurde, ist sie heute gleichsam eine Metapher für eine Welt jenseits der seelischen Verfettung. In Sarajevo gibt es weder McDonalds, noch Wienerwald, Kentucky, Starbucks oder eine Ikea-Cafeteria. Vermutlich ist das in erster Linie ein Zeichen von mangelnder Kaufkraft, doch gleichzeitig macht das die Hauptstadt Bosniens zu einem Ort, der anders funktioniert als andere Metropolen. Statt Werbung für Victorias Secret schmücken 25 Jahre alte Reklamen aus Solingen die öffentlichen Verkehrsmittel. Statt Hugendubel und Douglas reihen sich Familienbetriebe aneinander. Statt privaten, unterbezahlten Wachleuten bestimmen traumatisierte Soldaten das Stadtbild.

    Ein leckeres Beispiel aus dieser Welt sind die Feigen, die es bei jedem Kleinhändler zu kaufen gibt. Sie haben weder Normmaße, noch sind sie besonders ansehnlich, denn ihre grüne Farbe neigt sich häufig dem Braun zu. Doch wenn andere Früchte faulen, beginnt bei der Feige eine zweite Reife. Dann entwickelt sich ein Geschmack, der wegen seiner Fruchtigkeit und seiner vulgären Süße seinesgleichen sucht. Mit jedem Bissen in diese grüne Schlichtheit öffnet sich ein warmes, flauschiges Nest. Diese kleine traditionelle Frucht ist viel süßer und aromatischer als ihre in feinen Pelz gehüllte, violette EU-Schwester. Wer die kleine Frucht von innen heraus erkundet, begreift, was die Autoren der Osmanen in ihren Liedern besangen. Angeregt durch die Konsistenz rauscht das Blut durch den Körper, pumpt und füllt, was zu füllen ist.

    Nun wäre es schade, eine ganze Region auf eine unscheinbare Frucht zu reduzieren. Denn natürlich gibt es auch duftend Brote aus dem Steinofen, Köftes und Kebabs, Çaçik und Humus, Auberginen und gefüllte Weinblätter, Lamm und Fisch, gebacken, gebraten oder geschmort. Doch so gut eine gefüllte Muschel am Ufer des Goldenen Horns in Istanbul auch mundet, am Ursprung von alldem liegen Kleinigkeiten wie die Feigen. Wer solche Früchte kennt, der begreift, welche was die Welt zu bieten hat. Auch wenn es auf den ersten Blick braun und hässlich ist – oder laut und staubig.

    Erschienen am 10. September 2009


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    3 Antworten to “Feigen”

    1. Nefeli meint:

      man sagt in Griechenland: wer unter einem Feigenbaum schläft, der schläft tief….

    2. Andreas meint:

      Geschlafen haben wir leider nicht soviel, und wenn dann in durchgelegenen albanischen Betten oder bulgarischen Schlafwagen von der VEB Waggonbau Görlitz.

    3. bianca meint:

      Mmm…ich esse gern Feigen. Total lecker, gefällt mir besonders gut.

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