Am Eigelstein

Le Moissonner, Köln
Schon seit Jahrzehnten nehmen die Gäste eine weite Anreise in Kauf um in Köln am Eigelstein türkisch zu essen. Selbst einfache Grill-Lokale müssen sich nicht verstecken. Die beiden Michelin-Sterne in der Nachbarschaft sind allerdings in französischer Hand.

Das versteckte Viertel links und rechts der kleinen Hauptstraße „Eigelstein“ war einst doppelt so groß wie heute, doch dann kamen die Planer und realisierten ihre Ideen der autogerechten Stadt. Seither läuft die achtspurige Nord-Süd-Fahrt mitten hindurch. Von einer lebhaften, kleinbürgerlichen Innenstadtlage wurde der Eigelstein zum Hinterhof des Kölner Hauptbahnhofs – inklusive der bekannten Nebeneffekte. Huren, Kriminalität und Junkies gehören hier zum Stadtbild. Doch zwischen Spielhallen und Wettbüros gibt es zu aller Überraschung auch sehr gute Gemüseläden, Fischhändler, Metzger, Bäcker und einen der besten Supermärkte der Stadt. Damit schlägt am Eigelstein das kulinarische Herz Kölns.

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Aber wir wären nicht in der Domstadt, gäbe es hier nicht auch noch die bunte, lebensfrohe Stammbevölkerung, ein herziges Völkchen, dass im Karneval seine Hymne „Am Eigelstein es Musik“ rauf und runter singt. Man isst im Fesch-Hus zu Mittag, sitzt an der Eigelstein-Torburg in der Nachmittagssonne, trinkt im Kölsche Bor das erste, zweite und dritte Gaffel und isst dazu seinen Halven Hahn. Die junge Szene zieht es derweil ins Elektra am Gereonswall, und die ganz abgebrühten stranden im Durst. Wie man es auch immer hält, man braucht das Viertel kaum zu verlassen. Hier gibt es alles, was der Genussmensch zum Leben braucht. Nur für den abschließenden Rheinspaziergang muss man 500m ostwärts (über ebenjene achtspurige Straße).

Der Eigelstein profitiert von diesem lebendigen Mix. Wer gerne gut und einfach isst, der hat hier eine große Auswahl. Ein gutes Essen bekommt man zum Beispiel in den türkischen Grillrestaurants in der Weidengasse. Da ist zum Beispiel das Öz Harran Doy Doy, ein unscheinbarer Imbiss, indem sich eine halbe Fußballmannschaft von Köchen und Kellnern vorzüglich um die Gäste kümmert. Die Karte ist nicht groß: Spieße und Gebratenes, drei verschiedene Suppen – das ist schon das ganze Angebot. Dazu gibt es Brot mit verschiedenen Soßen und etwas Salat. Die Gerichte nicht teuer und kommen direkt vom Grill. Die Anzahl der Stammgäste ist entsprechend groß.

Gleich zwei Häuser weiter hebt sich das Niveau beträchtlich. Gemischt mit einer kräftigen Prise Folklore wird im Palastrestaurant Bosporus die feine, aber traditionelle osmanische Küche gepflegt. Für Restaurants wie dieses reisen die Gäste eigens aus dem Ruhrgebiet an. Die Karte liest sich, als wäre sie in Gold gefasst. Und auch die Küche liebt den Pomp. Kein Gericht kommt alleine daher, viele Schüsselchen und Schälchen begleiten die Hauptgänge. Die Stimmung ist ausgelassen, und spätestens wenn die Bauchtänzerin mit den Hüften schwingt, wird es dem letzten Griesgnaddel warm ums Herz.

Genauso lange, wie in der Weidengasse türkisch gekocht wird, beschäftigt sich in der Krefelder Straße das Ehepaar Moissonnier mit der französischen Küchentradition. Formell beginnt hier schon das Agnesviertel, aber wer wird kleinlich sein, in so einer weltoffenen Umgebung? Langsam, mit viel Geduld und noch mehr Liebe hat sich der Hausherr zwei Michelin-Sterne erkocht. Die Gerichte sind von solcher Perfektion und werden mit einer Selbstverständlichkeit serviert, dass ein Abendessen unvergesslich bleibt. Auch die Gestaltung des Gastraums ist an gutem Geschmack kaum zu überbieten. Dass der Service seine Gäste voller Humor und Kenntnis bedient, ist Ehrensache.

Restaurant Le Moissonnier
Krefelder Straße 25
50670 Köln
Telefon 0221/729479
www.lemoissonnier.de

Restaurant Bosporus
Weidengasse 36
50668 Köln
Telefon 0221/125265
www.bosporus.de

Öz Harran Doy Doy
Weidengasse 28-34
50668 Köln
Telefon 0221/1307394

Bild Kira Bunse / Le Moissonnier  

Eine Antwort auf Am Eigelstein

  1. Andreas sagt

    Ja so ists am am Eigelstein! Türkisch zu essen ist hier wirklich vergnügen pur. Bevorzuge ich sogar den so angepriesenen Luxusfranzosen mit Michelin-Stern. Darauf lege ich keinen Wert. Für mich muss ein Restaurante herzlich sein, von mir aus auch ohne Stern.

    lg Andi

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