Caffè Sospeso – Selbsthilfe in Neapel

In den dunklen Gassen von Neapel ist man Krisen gewohnt. Jahrhundertelang überließ die Obrigkeit ihre Bürger mit Seuchen, Hunger und Kriminalität sich selbst. Aus dieser Isolation entwickelten sich die dunkle Macht der Camorra genauso wie die Tradition des Caffè Sospeso. Sie offenbart die eigenwillige Schönheit dieser Stadt.

Napoli Panorama

Der Vesuv, latente Gefahr für die Stadt

Auf den Straßen rings um die Piazza Garibaldi tobt der Verkehr. Der Lärm der Taxis, der Busse, der unzähligen Motorroller verschmilzt zu einem Lavastrom, der sich langsam aber unaufhaltsam vorwärts schiebt. Die Stadt schwitzt. Man ist gefangen in einem Meer aus Menschen. Neapel ist gefährlich, nicht nur wegen der Camorra. Die Stadt ist auf Gefahr gebaut: Das Straßenpflaster besteht aus dunklem Basalt von den Hängen des Vesuv. Der aktive Vulkan beherrscht gleichermaßen das Panorama und die Seelen der Stadt.

Um die drückenden Sommertage durchzuhalten, braucht man viele kleine Pausen. Ein Snack, ein schneller Espresso, Koffein, Zucker, dann geht es weiter in der Sommerglut. Es ist kurz nach halb elf. Im Caffè delle Muse schräg gegenüber dem Konservatorium herrscht jetzt Hochbetrieb. Menschen kommen aus dem benachbarten Krankenhaus, aus der Musikhochschule oder geradewegs von der Straße, um sich zu stärken, ein paar Sätze zu wechseln, ein wenig zu lachen. Der Raum ist niedrig, das Licht ist fahl. Durch die offenen Fenster hört man die Musikstudenten üben. Bekannte Melodien von Bach und Vivaldi, überlagert von Tonleitern und Arpeggien in endlosen Wiederholungen.

Caffe delle Muse

Eines von fünfhundert Tässchen

Hinten in der Ecke brummt und zischt eine eiserne Kaffeemaschine. Ein alter Mann mit dicken Brillengläsern bedient mit schweren Armen die langen Hebel. Seit 60 Jahren macht Gaetano nichts anderes als Kaffee zu servieren. Tasse für Tasse. Die Zubereitung des dunklen Suds verlangt viel Erfahrung. Denn der Kaffe lebt. Er verändert sich mit dem Wetter und der Qualität des Wassers.

Es gehört zur Kunst des Barista, dass die Gäste den Kaffee ungefragt so bekommen, wie sie ihn lieben. Manche Kunden wollen den Kaffee besonders heiß, andere mit viel Zucker. Einige verlangen Süßstoff, andere trinken ihn macchiato – mit einem Klecks Milchschaum. Etwa 500 Tässchen gehen im Caffè delle Muse jeden Tag über den Tresen. An der Kasse sitzt Ciro. Er trägt seine Haare kurz wie ein englischer Fußballfan, und er spricht gut englisch, denn er lebte einige Monate in New York, bevor er nach Neapel zurückkehrte. Ein Espresso kostet 80 Cent.

Gaetano, Caffe delle Muse

Gaetano im Caffè delle Muse

Aber nicht alle Gäste müssen bezahlen. Denn die Kunden im Caffè delle Muse pflegen eine alten neapolitanischen Brauch: den Caffè Sospeso, ein Relikt aus dem neapolitanischen Sozialsystem. Wer etwas Geld in der Tasche hatte, der bezahlte nicht nur den eigenen Kaffee, sondern auch einen weiteren. Der Barista hinter der Bar vermerkte den Sospeso, den Spendierten, dann in seinem Büchlein. Und wenn ein Gast hereinkam, der selbst kein Geld für einen Kaffee hatte und fragte „C’è un Caffè Sospeso?“ – „Gibt es einen schwebenden Kaffee?“, dann schenkte der Barista ihn aus.

Hier im Caffè delle Muse ist der Caffè Sospeso eine Geste unter Freunden. Luca Martingano trägt sein weißes Hemd weit offen. Er ist Dozent für Konzerthorn. Seinen Espresso trinkt er zwei, drei Schlücken und macht dabei ein paar Scherze mit einer Studentin. Beim Gehen zahlt er nicht nur für sich, sondern auch einen zweiten Kaffee, der bisher noch gar nicht ausgeschenkt wurde. Der ist für seinen Freund, den Concierge der Musikhochschule. Wenn er später hereinkommt, dann wird Gaetano ihm den Kaffee gratis servieren. So wie Luca machen es hier viele – Ärzte, Studenten, Straßenkehrer.

Caffe Gambrinus

Caffè Gambrinus

Auch an der Piazza del Plebiscito, der Visitenkarte der Stadt, wird die Tradition gepflegt. Er ist weit und hell. Vom Meer weht eine kühlende Brise herüber. Hier steht das Gran Caffè Gambrinus, ein Ort der Hochkultur, das erste Haus am Platz. Die Terrasse ist schattig. Die Kellner sind zahlreich und tragen weiße Hemden mit schwarzen Fliegen. Im Gambrinus verkehrt die Elite von Neapel, diejenigen denen die weißen Jachten in der Bucht gehören. Es sind Männer wie Aurelio De Laurentiis, Präsident des Fußballclubs SSC Napoli. Der bärtige Fußballmanager zahlt nach seinem Besuch im Gambrinus mit großer Geste gleich zehn Caffè Sospeso, berichtet der junge Kellner Francesco. So macht man sich in Neapel einen Namen. Es dauert meist nicht lange, bis sich Abnehmer finden.

Kurz darauf im Caffè Mexico an der Piazza Dante kommt ein alter Mann herein. Er hält den Blick gesenkt, man bemerkt ihn kaum. Die Haut seiner Arme ist fleckig, die Schuhe ausgetreten. Mit ruhiger Geste wendet sich der Barista hinter der Bar dem Obdachlosen zu. Die beiden wechseln leise ein paar Worte. Sekunden später steht ein Tässchen vor dem Alten. Daneben liegt eine Brioche. Der Grauhaarige von der Straße trinkt seinen Caffè Sospeso mit Bedacht. Niemand stört sich daran.

In der Bar Nilo

In der Bar Nilo wird Maradona verehrt

Die Bar Nilo in der Via San Biagio befindet sich seit über 80 Jahren im Besitz der Familie Alcidi. Draußen neben der Tür hängt einer der zahlreichen Schreine mit denen hier in Neapel noch immer Diego Maradona verehrt wird. Bis vor kurzem kam jeden Tag zur gleichen Zeit eine alte Dame, die bei jedem Besuch einen Kaffee spendierte. Doch nun ist sie krank, und bisher fand sich noch niemand um die Tradition aufzunehmen. Die Mittagshitze wird immer drückender und wir bestellen einen geeisten Caffè Freddo.

Wir sprechen über die Geschichte Neapels. Seit der Gründung vor fast 3000 Jahren stand die Stadt fast immer unter der Kontrolle fremder Mächte. Und sie kümmerten sich nur selten um ihre Bürger. Am schlimmsten traf es die Stadt unter den spanischen Königen im 17. Jahrhundert. Neapel war mit über 400.000 Einwohnern nach Paris die zweitgrößte Metropole Europas, eine gewaltige, inspirierte Hafenstadt. Die Habsburger interessierten sich jedoch nicht neapolitanische Schönheiten, sondern nur für die Steuern, mit denen sie ihre Kriege finanzieren konnten.

Nahverkehr in Neapel

Der Nahverkehr hat bessere Tage gesehen

Die Stadt wuchs weiter, doch an den Zuständen änderte sich wenig. Der öffentlich Nahverkehr blieb eine Katastrophe. Mit Hochhaussiedlungen wie in Scampia entatanden neue Brennpunkte na den Rändern der Stadt. Die Geschichte Neapels ist durchzogen mit Katastrophen. Noch gegen Ende des 20. Jahrhunderts zählte man den Süden Italiens inoffziell zur dritten Welt, Neapel war seine Hauptstadt. Auch die Spaltung zwischen Untertanen und Obrigkeit setzte sich fort. Bis in die 1990er-Jahre wurden die Bürgermeister Neapels nicht frei gewählt, sondern von der Regierung in Rom nach Süden entsandt.

Erst mit Antonio Bassolino wurde es besser. Als erster Bürgermeister wurde er 1993 direkt vom Volk gewählt. „Er bekämpfte die Korruption und die Vetternwirtschaft. Der Alltag verbesserte sich endlich“, sagt der Fotograf Santiago Mennella, der das Kaffee mit seinen beiden Neffen besucht. Doch seine Amtszeit dauerte nur ein paar Jahre, dann stieg er zum Provinzgouverneur auf – und Neapel rutschte zurück in die alten Muster von Korruption und Kriminalität.

Scampia, eine der Katastrophen der Stadt

Scampia, bekannt aus dem Film ‚Gomorrha‘

Mit der Müllkrise zehn Jahre später wurde es schlimmer als je zuvor. Weil die städtischen Deponien überquollen, stellten die Müllwerker ihre Arbeit ein. „Wir sind fast am Müll erstickt“ erzählt Santiago mit bebender Stimme. Trotz der barocken Kunstschätze, der fantastischen Küche und der bezaubernden Küstenlandschaft blieben die Touristen aus. Inzwischen wird der Müll per Schiff in die Niederlande und nach Deutschland gebracht und dort verheizt. „Aber das Chaos kann jederzeit wieder losbrechen.“ Santiago nimmt noch einen Schluck Kaffee.

„Kaffee ist das einzige was schnell geht in Neapel“ sagt er. Der Kaffee hilft gut gegen die Hitze. Er treibt Energie in die Adern, der Puls beschleunigt sich. Man kratzt mit dem Löffelchen den Zucker aus der Tasse, als kleines Bonbon und Innerhalb von ein, zwei Minuten kann man es wieder mit der Stadt aufnehmen. Dann ein schneller Gruß in die Runde, schon ist man wieder draußen in den heißen, dunklen Gassen von Neapel. Viele Touristen finden sich in diesem Chaos nicht zurecht, aber manche verlieben sich unsterblich in dieses ungebändigte System, dass die Stadt durchzieht wie der Puls eines Fieberkranken. Rollerfahrer preschen vorbei. Es riecht nach Parfüm, Gebäck und Abfall. Wunderbar, diese Mischung.

3 Antworten auf Caffè Sospeso – Selbsthilfe in Neapel

  1. Hermann sagt

    Eine tolle Story, so etwas sollte es überall geben, gerade in der kalten Jahreszeit können sich dann unsere obdachlosen Mitbürger etwas aufwärmen.

  2. Günther sagt

    Guten Tag zusammmen,

    Ich muss jetzt auch mal etwas loswerden!
    Ich bin mit voller Inbrunst begeistert von diesem Konzept!
    So etwas sollte es in mehr Metropolen geben, denn wo es reiche Leute gibt,
    dort gibt es auch immer arme!
    Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

    Ihr Günther
    (Noch Fragen? Dann schicken sie mir einfach eine Mail und wir können weiter über diese Thema diskutieren.)

  3. Markus sagt

    Immer wenn ich in neapel bin, bezahle ich auch den caffè sospeso. Mir tuts nicht weh, und irgend jemand hat freude daran.
    Neapel ist eine wunderbare stadt, dieser bericht ist toll geschrieben…meine lieblingsbar ist die bar roma in der via toledo, der oberkellner begrüsst mich immer wie wenn ich ein teil dieses wunderbaren universums wäre, welches sich neapel nennt

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