Japanischer Metabolismus - Deli Dauerdienst
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  • Project Japan, 3

    Alle Bilder © Taschen Verlag

    Ein Nachruf
    auf den Neubeginn

    In der japanischen Architektur entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine erstaunliche Ästhetik. Die letzte große Bewegung in der zeitgenössischen Architektur, meint Rem Koolhaas. Zusammen mit Ulrich Obrist hat er den japanischen Metabolisten ein Buch gewidmet.

    Die Faszination für das Große, Mutige und Neue ist ungebrochen. Zumindest solang man es nur als Modell oder Foto vor sich hat. Die Faszination zwischen zwei Buchdeckel zu fassen gelingt einmal mehr dem Taschen Verlag mit dem Buch Project Japan – Metabolism Talks… Rem Koolhaas, einer der wichtigsten zeitgenössischen Baumeister (ebenfalls mit ausgeprägtem Hang zur Größe), und Ulrich Obrist, Kurator und Global-Intellektueller, führen auf 684 Seiten Interviews, Skizzen und Fotos zusammen und portraitieren eine Architektur-Bewegung, die zwei Pritzker-Preisträger und jede Menge Stahlbeton hervorgebracht hat.

    Sie widmen sich den japanischen Metabolisten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan formierten. Die Metabolisten orientierten sich am Neuen Bauen, legten ihrem Stil aber die buddhistische Tradition zugrunde, nach der sich die Welt in ständiger Veränderung befindet. Die Architekten träumten von veränderbaren Häusern, die in der Zukunft (wie ein Lebewesen) weiter wachsen können. Der Ansatz fügte sich gut zusammen mit der japanischen Bautradition, nach der man, im Gegensatz zum Westen, nicht für Jahrhunderte baute, sondern eher für Dekaden.

    Project Japan, Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrist

    Yamanashi Culture Center, Kenzō Tange, 1967

    Im Zentrum der Entwicklung stand der Architekt Kenzō Tange, der in seinem Büro Tange Lab und als Professor an verschiedenen Universitäten junge Architekten um sich scharte. Aus diesem Umfeld entwickelte sich schließlich der Metabolismus als Bewegung. Die Wurzeln reichen allerdings noch etwas tiefer, denn viele der Architekten, die diese Epoche prägten, hatten schon im Kaiserreich Gebäude entworfen. Vor dem Krieg durften sie sich in den Kolonien austoben, um ihnen ein japanisches Gesicht aufzuprägen. Nach dem Krieg galt es das eigene Land wieder aufzubauen. Der Wunsch nach einer nationalen Architektur wurde kurzerhand über Bord geworfen.

    Kenji Ekuan, Dwelling City, 1964

    Dwelling City, Kenji Ekuan, 1964

    Ganz wie in Europa und den USA manifestierte sich der Glaube an die industrielle Zukunft in Stahlbeton (die Wohnmaschinen von Le Corbusier entstanden zur gleichen Zeit). Nur leider hat der Aufbruch, den die Gebäude verkörpern, niemals stattgefunden. Ganz gleich ob die Städte Paris, Brasilia oder Berlin heißen, die Experimente von damals waren oft dramatische Fehlplanungen. Statt eines neuen Menschen erzeugten die Visionäre Krankheit, Kriminalität und Depression. Die riesenhaften Strukturen haben sich zu Monstern entwickelt, die Bewohner sind ihre Opfer.

    Nur langsam gelangen die Baumeister zur Erkenntnis, dass die meisten Menschen der eigenen Entfaltung den Vorzug vor Skaleneffekten geben. Also braucht man kleinteilige, überschaubare Strukturen (wie den klassischen Kiez in Berlin), auf die das Individuum Einfluss nehmen kann. Es ist kein Zufall, dass selbst der Direktor des Bauhaus’ in Dessau in einer Berliner Altbau-Wohnung residiert. Auch auch selbst der Autor glaubt nicht mehr an schiere Größe. Trotzdem baut er noch immer BIG, vor allem in den aufstrebenden Volkswirtschaften des Ostens. Währenddessen geht der Trend in Europa glücklicherweise langsam zu kleinteiligen Strukturen, zu Gebäuden der ökologischen und emotionalen Nachhaltigkeit. Zeitgenössische Architekten stellen sich der Aufgabe Häuser zu entwerfen, in (und neben) denen man auch in 30 Jahren noch wohnen will. Damit werden die Metabolisten zu einem Relikt der Architekturgeschichte. Rem Koolhaas und Ulrich Obrist haben einen Nachruf verfasst.

    PROJECT JAPAN: Metabolism Talks
    Rem Koolhaas, Hans Ulrich Obrist
    Taschen Verlag
    684 Seiten, 39,99 €

    Erschienen am 20. Januar 2012


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